Lilys Schutzengel

 

Lily hörte ein leises Schluchzen hinter einem Busch in ihrem Garten. Was seltsam war, denn außer ihr wohnte keine Menschenseele in diese Straße. Eigentlich war es nicht einmal eine Straße, sondern ein zugewachsener Schotterweg, der einen kleinen Hügel hinauf führte und vor ihrem kleinen Haus zwischen großen Buchen endete.

Ihre Post musste sie selbst aus dem Dorf holen. Die einstündige Fahrt lohnte sich nur, wenn sie auch gleichzeitig einkaufen ging, telefonieren musste und etwas aus dem Baumarkt brauchte.

 

Wer konnte es also sein, der hinter ihrem Fliederbusch kauerte und weinte.

Vorsichtig schob sie die dünnen Zweige beiseite und staunte nicht schlecht, als sie das kleine Wesen erblickte.

 

Es war einem Knaben ähnlich, jedoch mit schneeweißer Haut und langen vogelähnlichen Schwingen, die traurig herabhingen. Schmutz klebte in seinem Gesicht und dicke Tränen kullerten aus seinen großen goldenen Augen.

 

Als er Lily bemerkte, erschrak der unerwartete Gast, schlug mit seinen Flügeln, um zu fliehen, doch er hob keinen Finger breit von der Erde ab.

„Ich tu dir nichts, kleiner Freund“, versprach Lily und hielt ihm eine Hand entgegen. „Vielleicht kann ich ja helfen.“

 

 

Keely, 7 Jahre Keely, 7 Jahre

 

Er flatterte nicht mehr, legte den Kopf schief und beugte seinen Oberkörper so weit vor, dass er an ihren Fingern schnuppern konnte. Sie rochen nach Erdbeeren und Minze.

 

Lächelnd legte er seine kleine Hand in ihre und ließ sich aus dem Busch ziehen.

„Bist du ein Engel?“

Er spannte stolz seine Flügel und nickte. „Ein Schutzengel.“

Lily bemerkte einen goldenen Glanz auf seiner Haut, der in der Sonne funkelte. „Wollen wir dein Gesicht sauber machen?“

Dankbar reckte er seine Nase zu ihr empor und wartete darauf, dass sie anfing.

Lily musste lachen. „Im Haus habe ich Waschlappen und Seife, komm mit.“

 

Sie ging vor, blieb jedoch stehen, als er nicht folgte. Im Gegenteil, er hopste in eine andere Richtung, steckte sein Gesicht bis zu den Ohren in das Kräuterbeet und atmete tief ein. Basilikum, Rosmarin, Thymian. Er konnte sich scheinbar gar nicht satt riechen. Lavendel, Zitronenmelisse, Apfelminze. Dann sagte er: „Wenn ich den Himmel nicht bestens kennen würde, wäre ich der Meinung, ihn hier gefunden zu haben.“

 

Lily beobachtete den Schutzengel und lächelte. „Dort drüben wachsen Johannisbeeren“, sagte sie und deutete auf den Busch mit den kleinen, roten Beeren. „Die kannst du essen.“

 

Kaum hatte sie es ausgesprochen, sprang er darauf zu, beschnupperte die Früchte, leckte vorsichtig daran und steckte sich dann eine in den Mund. Noch eine und noch eine, dann eine Erdbeere und sah dabei sehr glücklich aus.

„Ich will auch dies alles haben!“, eröffnete er begeistert.

„Einen Garten mit all diesen Pflanzen?“

Er nickte wild. „Das ist so unbeschreiblich schön!“

 

Lily kniete sich neben ihn und schaute in seine leuchtenden Goldaugen. „Kannst du das denn dorthin mitnehmen, woher du kommst?“

Augenblicklich ließ er seine Flügel hängen und sah sehnsüchtig auf die Gewächse.

„Nein“, sagte er Kopf schüttelnd. „Und selbst wenn, ich kann nicht fliegen. Ich weiß nicht, wie ich in den Himmel zurückkommen soll.“

Ungläubig legte Lily eine Hand vor den Mund. „Du bist aus dem Himmel gefallen?“

Der Engel nickte wieder. „Die anderen haben mich geschubst. Dabei hatte ich ihnen gesagt, dass ich nicht fliegen kann. Sie fanden, dass ein Engel meines Alters schon lange durch die Wolken gleiten können müsste.“

 

 

Styntje, 7 Jahre Styntje, 7 Jahre

 

Lily wusste, wie ihm zumute war. Nachdenklich setzte sie sich rückwärts auf die Erde. Tannennadeln, Blätter und Moos machten den Untergrund weich und sie liebte die Stille, wenn man barfuss darauf lief. In der Stadt war alles laut gewesen. Jeder Absatz auf den Gehwegen, die Autos, sogar jeder einzelne Bürger.

„Deswegen lebe ich hier“, flüsterte sie sanft. „Hier kann ich sein, wie ich bin. Weder die Uhrzeit noch die Mitmenschen diktieren mir, wie ich zu leben habe. Hier enttäusche ich nur mich, wenn ich einen Fehler mache. Und an diesem Ort begegne ich mir selbst jeden Tag.“

Ihr neuer Freund sah sie fragend an: „Dir selbst?“

 

„Ja“, sagte sie lachend. „In der Stadt drängen dich so viele Gedanken, Verpflichtungen und Aufgaben von dir selbst weg, bis du dich eines Tages nicht mehr wahrnimmst und krank wirst.“ Sie machte eine verschwörerische Miene. „Wenn du nicht auf dich aufpasst, dann tust du am Ende alles nur noch für andere und nichts mehr für dich.“

Das verstand der Engel sehr gut. „Ich könnte ab jetzt auf dich aufpassen“, schlug er vor. „Immerhin bin ich ein Schutzengel. Du bist ganz alleine hier, du könntest gut einen gebrauchen.“

 

Sie dachte über seinen Vorschlag nach. In ihrem Häuschen war noch ein Zimmer frei, von allem hatte sie genug zum Teilen, und erliebte die Natur genauso sehr wie sie. „Du würdest für immer bei mir bleiben?“

„Für immer“, bestätigte er freudig, „und für die gesamte Ewigkeit.“

Lily nahm seine Hand und drückte sie liebevoll: „Vielleicht wurdest du gar nicht aus dem Himmel geschubst? Vielleicht hat dich das Schicksal zu mir gebracht?“

Ihr Schutzengel grinste. „Vielleicht bin ich auch heruntergefallen, als ich dich besser sehen wollte?“

 

Sie nahm ihn auf den Arm und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Und solltest Du noch mal irgendwo runterfallen, dann rufst du mich vorher, dann fange ich dich auf.“

 

 

Keely, 7 Jahre Keely, 7 Jahre