Overdressed im blinden Stress

Zu Weihnachten bekam ich von meinem Mann eine Ankündigung geschenkt, dass am 20.1. 2011 eine Überraschung stattfinden würde. Wobei der Gutschein selbst erstmal enträtselt werden musste:

Am 15. Shevat 5771, drei Glasen der letzten Tagwache und Längen- und Breitengrade...

Ich sollte mich hübsch machen und alles andere blieb im Dunkeln.

Ich liebe Überraschungen!

Als überzeugte Spontanchaotin muss ich nicht alles wissen oder planen. Es ist schön, wenn sich jemand Gedanken macht, und man sich vertrauensvoll in dessen Hände begibt...

 

Und so stand ich gestern in einem Cocktailkleid und meinen besten Schuhen mit 10-cm-Pfennig-Absätzen bereit zum Aufbruch. Mein Mann sah schick aus in seinem Anzug, es war zu erwarten, dass wir weder zu einem Metalkonzert noch in ein einfaches Restaurant gehen würden. Doch auf der Fahrt ging es dann los: „Schatz, du wirst sicher alle Blicke auf dich ziehen.“ Was ein Kompliment gewesen wäre, wenn er dabei nicht so verschmitzt gegrinst hätte.

Normalerweise errate ich meist alles vorher, anhand von Assoziationen zu all den kleinen Andeutungen, die er sich in der Regel nicht verkneifen kann, doch dieses Mal war ich vollkommen ratlos.

Als wir am „Dialog im Dunkeln“ vorbeigehen wollten, sagte ich, dass wir dort auch auf jeden Fall mal hin müssten, doch genau das war unser Ziel für diesen Abend.

 

Ja, ich zog alle Blicke auf mich, weil ich die einzige Frau war, die derartig aufgebrezelt war, um dann in vollkommener Finsternis am „Dinner in the dark“ teilzunehmen.

Als dann noch jedem ein Blindenstock in die Hand gedrückt wurde, und ich ohne etwas zu sehen über Rasen, Kies und Brücken stöckeln musste, wurde es richtig lustig. Dem nicht genug, gingen wir natürlich ganz vorne. Es hat mich an damals in den USA erinnert, als ich in Pumps und Rock zum Angeln gegangen war und wir durch den giftigen Efeu pirschten und dann vor der Wasserschutzpolizei flüchten mussten. Ja, ja, die wilden Neunziger...

 

Jedenfalls ist es eine faszinierende Erfahrung, in absoluter Finsternis zu stehen. Das Gehirn gaukelt einem noch hier und da ein paar Lichterscheinungen vor. Man meint, wenn man die Hand vor Augen hält, wäre es noch schwärzer, was sich jedoch sehr schnell widerlegen ließ. Schwärzer als Schwarz gibt es nicht! Das wäre ganz so, als suchte man eine Steigerung von „Nichts“.

 

Den Weg wäre ich gerne ohne Gruppe und ohne Führung gegangen. Viele Geräusche und Eindrücke gingen im aufgeregten Gemurmel der Teilnehmer (meinem auch) unter. Wir wurden durch zwei Räume der Ausstellung geführt, dann mussten wir die Stöcke wieder abgeben und uns an einen Tisch im Restaurant setzen. Es war unmöglich abzuschätzen, wie viele Personen sich im Raum befanden, wie hoch die Decke war oder wie die Menschen wohl aussahen, die vor und neben einem saßen. Doch durch die Besonderheit der „gebuchten Blindheit“ kam man sofort mit jedem in der unmittelbaren Nähe ins Gespräch. Statt auf Blickkontakt zu warten, redete man einfach drauf los und wenn man mal nicht gehört wurde, war es auch nicht peinlich, weil es ja niemand gesehen hatte...

Anfangs redeten wir sehr viel. Fanden einiges über unsere Tischnachbarn heraus und erzählten von uns.

Das Essen war eine ganz andere Herausforderung. Ich bekenne mich zu meinem Titel: „Mrs. Krüsch 1975 – 2011“ (Tendenz: erfolgreiche Titelverteidigung in den kommenden Jahren).

Das bedeutet, dass ich nichts esse, das wabbelig, sehnig, knorpelig oder unbekannt und dabei seltsam ist, sowie Lebensmittel, die schon ekelig aussehen. Welche Eigenschaften das auf meinem Teller hatte, konnte ich aber nicht wie gewohnt mit den Augen abchecken.

Viele benutzten gleich die Finger zum Essen, da ich aber schon mal gar nicht in schmierige Substanzen greifen mag, hatte ich nur bei ca. jedem drittem Mal etwas auf der Gabel.

Jeder fing an, das Essen und die Schwierigkeiten zu kommentieren. Es war erstaunlich, wie gut es eigentlich funktionierte, wenn man aufhörte, sich zu sehr darauf zu konzentrieren, dass man nichts sehen konnte. Wenn man sich vorstellte, wie alles wahrscheinlich auf dem Teller lag, konnte man auch wie gewohnt essen. Gut, manchmal musste ich kämpfen, weil ich ein viel zu großes Stück abgeschnitten hatte, und das eine oder andere landete wieder unten, weil ich es entweder nicht mochte oder es runtergerutscht war.

Dann wurde es zunehmend ruhiger. Über eine Stunde verbrachten wir bereits in der Dunkelheit, wobei jegliches Zeitgefühl vollkommen verloren gegangen war. Ich fing an, über die Situation nachzudenken. Alle waren in der gleichen Position, dieses Essen war ein Spaß.

Jeder konnte kleckern, in der Nase bohren oder aus dem Glas seines Nachbarn trinken, ohne dass jemand etwas davon mitbekommen hätte. Also fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn es in Wirklichkeit hell sei und nur ich nichts sehen könnte. Man sieht sich wie gewohnt um, doch man erkennt nichts. Es ist ein ganz anderes Gefühl als die Augen zuzukneifen oder zumindest Schemen zu erkennen, weil es selten derartig finster ist.

Die Führungen und die Bewirtung wurden von blinden, bzw. schwer sehbehinderten Menschen übernommen, die sich gekonnt und selbstsicher in der Welt der Dunkelheit bewegt haben, in der die Sehenden hilflos und unsicher umhertapsten. Mich hat dieser Abend sehr beeindruckt. Und siehe da: Als ich am Ende wieder im Hellen stand und die aufgereihten Teller mit Beispielen des servierten Essens betrachtete, musste ich feststellen, dass es mir nicht geschadet hat, Gorgonzolasoße zu essen. Hätte ich sehend sicherlich niemals angerührt und aus Prinzip auch nicht gemocht!

 

Man sollte niemals aufhören, neue Eindrücke zu gewinnen.

 

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