Mark Benecke in der Empore

Infotainment – ein Begriff, der im Zusammenhang mit den Schlagwörtern Forensik, Tod, Blut und Maden irgendwie seltsam klingt.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob mich morbider Humor mit auf Tatsachen beruhender Kriminalkomik erwartete oder ich mit schockierenden Wahrheiten über den Tod in Kombination mit erschreckenden Bildern konfrontiert werde.

Und das ganze ausgerechnet in Buchholz in der Nordheide. Auch wenn dieser Ort mit seinen ca. 40.000 Einwohnern eine Kleinstadt ist, mutet er doch eher heimelig-dörflich an. Wer würde also eine derartige Veranstaltung besuchen?

 

Viele, wie sich herausstellte, der Saal war voll. Jung bis Alt.

Auf einer großen Leinwand liefen Musikvideos, darüber standen Ablauf des Abends und Regeln für Fotografien, Autogramme und mehr. Mir ist schon auf der Homepage von Mark Benecke diese absolute Gradlinigkeit aufgefallen, die niemals einer gewissen Freundlichkeit entbehrt. Etwas, das ich sehr schätze.

 

Und so war er auch, als der Vortrag losging. Zunächst erklärte  er, warum Vermutungen über Hintergründe oder Tathergänge und damit verbundene emotionale Reaktionen bei seiner Arbeit eher hinderlich sind und warum es so wichtig sei, sich einzig auf die Spuren zu konzentrieren. 

Erklärungen, die so logisch erschienen, dass kein angeekeltes Raunen durch den Saal ging, als ein blutiger Tatort gezeigt wurde. Und selbst als die Fakten zu jenem Fall in ihrer ganzen Tragik preisgegeben wurden, blieben deutliche Reaktionen aus. Hätte man über diesen Fall einen Bericht in der Zeitung gelesen, wäre man sicher betroffen gewesen. Man hätte über die Opfer und die armen Kinder nachgedacht – aber tatsächlich zählten bei Beneckes Erzählweise nur die Spuren, die man nicht aus dem Fokus verlieren sollte.

 

Mark Benecke gab teilweise sehr viele Informationen auf einmal zu den Bildern, bei denen man sich manchmal fragte, ob alle losen Enden letztendlich auch in eine Erklärung münden würden, aber durch das Quäntchen Entertainment in dieser Informationsveranstaltung fiel es leicht, am Ball zu bleiben. Informationsveranstaltung, in der es nicht darum ging, wie perfide Menschen ums Leben gekommen sind, sondern wie normal es eigentlich ist, zu sterben, und was dann passiert.

Anhand unterschiedlicher Bilder und einer faszinierenden Sequenz, in der eine Leiche in mehreren Zersetzungsstadien gezeigt wird, wird deutlich, wie perfekt dieser Kreislauf von der Natur organisiert wurde.

 

Die knappen drei Stunden vergingen im Nu. Und ich sah niemanden, der verstört oder belustigt war. Die Stimmung ließ sich eher mit Staunen vergleichen, weil man sich dem Thema Tod einmal ganz anders nähern konnte. Maden und Fliegen gewannen sogar Sympathiepunkte, weil sie durch Beneckes Augen ein ganz anderes Image bekamen.

 

Sicher empfindet jeder etwas anderes, wenn er Fotos von toten Menschen betrachtet. Aber mit diesem wissenschaftlich geprägten Ansatz und Beneckes professionellen Art, mit den Fakten umzugehen, durfte jeder mal ganz genau hinschauen, ohne sich wie ein Gaffer zu fühlen oder sich Gedanken über die Toten machen zu müssen.

 

Das ist das, was mit unseren Körpern passiert, wenn wir irgendwann sterben. Es ist faszinierend, was Insekten über Liegezeiten, und Spuren über einen Tatort aussagen. Und für mich persönlich war es bereichernd, diesen Kreislauf des Lebens mal in realen Bildern gesehen zu haben, was absolut nichts Beängstigendes an sich hatte.

 

Sehr empfehlenswert.

 

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