Nach einer wahren Begebenheit - Der Sonntagskuchen

Susanne hatte gehört, dass es pädagogisch wertvoll sei, mit seinen Kindern zu backen. Sie freute sich auch immer, wenn andere Leute dies mit ihren Töchtern erledigten.

Backen: klebrige Substanzen, Mehlstaub und Teigspritzer.

Wenn Familienfeiern anstanden, schaffte sie es, die Kinder aus der Küche fernzuhalten und nur solche Kuchen zu backen, die selbst sie nicht ruinieren konnte. Noch lieber lagerte sie diese Aufgabe aus, weil die Omas schon ewig mit ihren Erzeugnissen glänzten und das Mitbringen irgendwelcher Torten und Kuchen gerne anboten.

 

Wäre da nicht dieses Buch gewesen:

 

Törtchenzeit.

 

Hübsche Fotos, lecker klingende Rezepte und das Versprechen, leichte, idiotensichere Rezepte vorzustellen. Okay, das „Idiotensicher“ war vielleicht in den Text hineininterpretiert, aber Susanne fühlte sich auf der sicheren Seite, als sie den Kindern mutig vorschlug, mit ihnen einen Blechkuchen zu backen.

Ein paar Zutaten ersetzte sie schon beim Einkaufen durch besser klingende Dinge wie Äpfel und Cranberries statt Beeren der Saison. Jeder mag Äpfel.

 

Das Vorhaben wurde zu einer Schatten werfenden Pflicht. Das erste Drama ereignete sich am Morgen, als die mütterliche Eigenmacht die kindlichen Erwartungen enttäuschte. So sollte es doch eigentlich ein ganz anderer Kuchen werden. Die Torte mit den Möhrenenden auf dem Deckel hatte es der Achtjährigen angetan. Gerne auch der Breezeln-Kuchen, aber der schnöde Blechkuchen?

Es sollte schnell gehen und lecker sein – und nicht zu vergessen: Idiotensicher.

So hörte sie sich selber erst liebevolle Zureden sagen, die in einem „Das Leben ist kein Ponyhof“ mündeten. Was ja nicht schlimm sein sollte, weil Backen so pädagogisch wertvoll war, dass es diesen Fauxpas wieder ausbügeln würde.

Ebenso die Tatsache, dass das Frühstück ausfiel und gleich Mittag gekocht wurde. Ging doch nichts über ein sonntägliches Ausschlafen, die Kinder wussten ja inzwischen, wo sie etwas zu essen finden konnten, wenn der frühe Hungertod drohte.

Susanne hielt sich dennoch für eine gute Mutter, immerhin sagte sie ihnen oft, wie sehr sie ihre Töchter liebte und sie geizte nicht mit Umarmungen oder Lob.

Auch wenn sie andere Mütter irgendwie bewunderte, die mit ihren Kindern an den Hausaufgaben saßen, mit ihnen bastelten oder backten, aber Backen wollte sie an diesem Tag ja auch.

 

Nach dem Mittagessen ging es los. Die Schüsseln wurden aus dem Schrank geholt und die Achtjährige saß auf der Arbeitsplatte und half beim Schälen der Äpfel. Susanne war etwas verwundert, dass die Kleine das Messer falsch hielt, besann sich aber auf die Tatsache, dass sie solche Dinge ja viel zu selten mit ihr machte – woher sollte die Richtigkeit also kommen?

Bei der Elfjährigen verhielt es sich ähnlich. Gut, wenn sie es irgendwann mal selbst lernen wollten, würden sie es schaffen. Das hatte zumindest bei der jüngeren mit Schleifen binden auch geklappt – die Große wollte eben noch nicht.

Nach der ersten Ungedulds-Verbal-Eskapade des Muttertiers, das voreilige Finger von den Zutaten und Geräten fortmeckerte, begnügte sich die Elfjährige mit dem Vorlesen des Rezeptes.

Die jüngere Tochter, wesentlich robusterer Natur, hielt tapfer die Stellung.

Mehl, Backpulver, Eier, Vanillearoma, Buttermilch und Zucker stellten den Mixer auf eine harte Probe. Was ein locker, fluffiger Teig werden wollte, schraubte sich zäh an den Rührstäben hoch und saute das ganze Gerät ein.

Die Aufsätze wurden befreit und gegen Knethaken ersetzt – davon stand gar nichts im Rezept. Der Verdacht keimte auf, die Elfjährige hätte etwas überlesen.

Leise Flüche brachen wie die Vorhut der Müttergewerkschaft über die Lippen, die einen drohenden Streik verkündete. Die Mädchen lachten.

„Ich hasse Backen“ wurde zum Mantra der unzufriedenen Anti-Mom.

Schüsseln und Gerätschaften erfuhren eine grobe Behandlung, die sie noch später im Geschirrspüler weinen ließ. Apfelstückchen und Cranberries fanden keinen Weg, sich in den festen Klumpen einzufügen und blieben schlicht außen dran kleben. Es war ein Trauerspiel, bei dem ein Notruf an eine Hilfsorganisation zur Rettung wertvoller Lebensmittel zu spät gekommen wäre.

 

Und im Hintergrund grinsten die Mädchen, die wie durch ein Wunder unbeschadet geblieben waren. Susanne schmiss sie aus der Küche, zwang den Klumpen in ein halbwegs flaches Erscheinungsbild und sperrte ihn in den Ofen.

„Wir backen mit Umluft – und zwar ausschließlich mit Umluft“, äffte sie die Textzeile aus dem Buch nach und übersprang diese Funktion am Ofen. Denn IHR Umluftherd heizte nicht, wenn man Umluft einstellte. Vielleicht wäre es dem Teig lieber gewesen, trocken gepustet als gebacken zu werden? Denn mehr wäre bei Umluft nicht passiert.

 

Mit der situationsbedingten Resthärte wurde die Küche gereinigt, dann fiel Susanne mürrisch aufs Sofa. „Ich backe nie wieder“, was das Fazit dieser Katastrophe.

Ihr Mann lachte. Das Resultat wäre sicher trotzdem gut, sagte er beruhigend, da hüpfte schon die Große mit einem Besen ins Wohnzimmer.

„Was soll denn das?“

„Na, den willst du doch essen, wenn der Kuchen schmeckt. Hast du selbst gesagt.“

Feixende Kinder und ein gackernder Mann.

„Sollen wir ihn auch backen oder lieber kochen?“, setzt die Kleine nach.

Susanne scheuchte die Kinder aus dem Wohnzimmer und brachte ihren Mann mit einem bösen Blick zum Schweigen. Immerhin duftete es inzwischen aus der Küche nach einem Versprechen, es könne wenigstens schmecken.

Nach zwanzig Minuten stand die Große wieder im Wohnzimmer und fragt „Was stinkt hier denn so?“

Offensichtlich nahm sie den Backgeruch anders wahr.

Ein Blick in den Ofenknast zeigte, dass sich die Plackenform hartnäckig gehalten hatte und lediglich dunkler geworden war.

Irgendwie künstlerisch, wie die sabschigen Apfelstückchen und schwarzgebackenen Cranberries den Placken verzieren. Das Schneiden ging genauso schwer wie alle Handgriffe dieser Kuchenkatatrophe.

Und dann stand sie auf dem Tisch: Die Kauherausforderung mit knuspriger Kruste.

Ihr Mann sah mitleidig den Haufen an und fragte, ob es auch eine „Kuchenklappe“ gäbe. 

Die jüngere Tochter wollte auch etwas sagen, aber die harten Cranberries vereitelten ihren Versuch, indem sie die Zähne verklebten.

Und als alle über den misslungenen Versuch einer sonntäglichen Köstlichkeit lachten, verstand Susanne, warum das gemeinsame Backen pädagogisch wertvoll war. Neue Wörter wurden für das Zähne brechende Irgendwas erfunden, jeder biss ab und zählte auf, was am Geschmack ebenfalls scheußlich wäre, und eine Menge Witze, wofür dieser Kuchenhaufen gut sei, wurden erfunden.

Susanne glaubte, an diesem Tag aus der Küche eine Zirkusmanege gemacht zu haben, und sie war der Clown.

Als sie drei Viertel des Kuchens vor dem Haus in den Mülleimer warf, hielt sie innerlich eine kleine Grabrede für den hässlichen Klumpen, der so viel Gutes in den Sonntag gebracht hatte. Und auch wenn sie es offiziell niemals zugeben würde, dieser Blechkuchen war das Beste, das sie je auf den Tisch gebracht hatte. Seinetwegen hatte sie gelitten, geflucht und gelacht, aber noch nie saß ihre Familie so lange gemeinsam am Tisch und redete so lebhaft miteinander.

Sie ging wieder ins Haus, hörte ihre Kinder im Bad unter der Dusche weiterscherzen und ein Hauch Backduft lag noch in der Luft.

„Also eigentlich sah die Karottentorte auch ganz gut aus“, dachte sie grinsend. „Aber die spare ich mir für einen richtig miesen Sonntag auf.“

 

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