Spoilerfreie Selbsthilfegruppe gebeutelter Figuren

„Guten Tag meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, bitte setzen Sie sich doch in den Kreis. Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen kurz die Gruppenregeln erläutern. Sonja hat uns zehn Minuten ihrer Schreibzeit eingeräumt.“

Neunundzwanzig Personen besetzten die Stühle, die von der Lektorin bereitgestellt worden waren. Sie war froh, dass aus jedem Roman ein bis vier Figuren gekommen waren, wodurch nur zwei Stühle freiblieben. Ihr war klar, dass Eva und Lukas noch nicht so weit waren, vielleicht kämen sie zur nächsten Sitzung.

„Zunächst benutzen wir hier das Arbeits-Du, ich bin Lovis, und ich bin eine Figur.“

„Hallo Lovis“, echote die Gruppe.

„Da wir diese Gruppe spoilerfrei halten wollen, erzählt ihr bitte nicht, aus welchen Kapiteln ihr gekommen seid, ob ihr überleben oder am Ende versehrt sein werdet. Wir wollen hier ausschließlich darüber reden, wie es ist, den Handlungsabläufen von Sonja Rüther ausgeliefert zu sein. Ihr dürft auch über eure Erlebnisse mit Testlesern berichten und wie sie euer Leben zum Guten oder Schlechten beeinflusst haben.“ Sie setzte ein Lächeln auf, weil sie wusste, dass ihr eher depressives Erscheinungsbild die anderen runterziehen könnte. Ihr Roman lag noch in der sprichwörtlichen Schublade. Seit einem Jahr litt sie darunter, dass Sonja ihren Roman nicht weiterschrieb und somit Lovis ein Dasein in Einsamkeit und einem unausgegorenen Drama fristen ließ. „Wer möchte beginnen?“

Der Älteste in der Runde meldete sich. Das musste der Kommissar sein. Ein vortrefflicher Anfang, weil er zu den Ersten gehörte.

„Hallo, mein Name ist Eberhard und ich bin eine Figur.“

„Hallo Eberhard“, sagte die Gruppe.

Feine Schuppen lagen auf dem schwarzen Rollkragen seines Pullovers. Er hielt einen Kaffeebecher in beiden Händen und sah sehr entspannt aus.

„Ich bin von Sonja nicht geplant gewesen. Eigentlich wollte sie ein Liebesdrama schreiben und keinen Thriller.“ Neben ihm nickte ein deutlich jüngerer Mann zustimmend und sah dabei sehr mitgenommen aus. Eberhard sah ihn freundlich an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich hätte ihm eine Nacht mit Silvia im Elysee Hotel gegönnt. Sie wären anschließend nach Hause gefahren und alles hätte gut werden können, aber während des Schreibens kam Sonja eine Idee und Silvia verschwand spurlos irgendwo zwischen Lobby und Zimmer.“

Bei dieser Erinnerung kniff der jüngere die Augen zusammen und ließ den Kopf hängen.

„Und dann bin ich ins Spiel gekommen. Ich denke, ich gehöre zu jenen hier, die Sonja eher dankbar sind. Immerhin habe ich eine wundervolle Frau an meiner Seite und muss kein Klischeeleben eines kaputten Polizisten führen. Doch dieser Fall hat mich ziemlich mitgenommen.“

„Danke Eberhard. Sven, möchtest du gleich weitermachen?“ Lovis kannte die Namen von jedem hier. Wenn sie nicht eh schon als Lektorin ein gewisses Interesse an Texten gehabt hätte, dann hätte sie all die Romane aus Neugierde gelesen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Sonja weiter mit ihr umgehen würde. Diese Gruppe war aus der Angst heraus entstanden, mit dem, was ihr bevorstand, nicht umgehen zu können. Deshalb tat es gut, Eberhards Fürsprache für die Autorin zu hören.

„Ja, danke. Also, ich bin Sven und ich bin eine Figur.“

„Hallo Sven.“

„Keine Ahnung, was sich Sonja dabei gedacht hat, dass Silvia und ich uns unsterblich ineinander verlieben. Sie ist mit meinem besten Freund verheiratet, ich bin eigentlich glücklich mit meiner Frau. Ich finde, nur weil man Geschichten aus dem Bekanntenkreis hört, muss man sich noch nicht gleich zu einem Roman inspirieren lassen. Zumal die Affäre des realen Typen aufgeflogen ist und er nun mit keiner von beiden Frauen mehr zusammen ist. Mich hätte echt mal interessiert, wie der Roman weitergegangen wäre, wenn Silvia nicht verschwunden wäre. Sicher irgend so eine Schnulzenscheiße, in der ich flammende Reden hätte halten müssen.“

„Ach, als wenn die sowas draufhat“, warf Marike ein. „Wir säßen alle nicht hier, wenn dem so wäre, oder?“

„Ähm ...“ Leah wollte etwas sagen, aber Lovis hielt eine Hand hoch und bat um Stille.

„Bitte lasst Sven erstmal ausreden, wir haben später noch Zeit, uns darüber auszutauschen.“

Sven nickte und fuhr fort: „Jedenfalls hat sie mich über einen sehr langen Zeitraum echt durch die Hölle geschickt. Mehr gibt es wohl nicht zu sagen, wenn ich nicht spoilern darf.“

„Aber hattest du das Gefühl, die Handlung mitbestimmen zu können?“, hakte Lovis nach, damit er sich nicht gänzlich zurückzog.

„Schon“, räumte er ein. „Die plottet ja nicht, also konnte ich ab und an Ideen einwerfen, die von ihr übernommen wurden.“

Die anderen Figuren raunten zustimmende Kommentare. Offenbar hatten fast alle diese Erfahrung gemacht.

„Manchmal ist es, als würde sie einen die ganze Zeit beobachten, damit man die Handlung mitgestaltet“, ergänzte Chenoa. Die Powtankanin, wie Lovis sie hier korrekter Weise nennen musste, strich sich die langen schwarzen Haare mit den eingeflochtenen Adlerfedern über die Schultern und überprüfte beiläufig den Sitz ihrer schwarzen Uniform.

„Sprich weiter“, ermutigte Lovis sie.

„Hallo, mein Name ist Chenoa und ich bin eine Figur.“

„Hallo Chenoa.“

„Ich wollte nur sagen, dass ich mich von Sonja ständig beobachtet gefühlt habe. Besonders schlimm ist es gerade jetzt, während sie den zweiten Teil schreibt – das heißt, eigentlich hat sie ihn wegen Corona wieder liegenlassen, um sich einem anderen Projekt zu widmen. Angeblich fehlt ihr die Konzentration für unsere komplexe Welt, wenn ihre Familie permanent zuhause ist. Jedenfalls kommt es mir oft so vor, als wüsste sie gar nicht, wo die Reise hingehen soll, aber die anderen im Team und ich sind uns sicher, dass sie einen Plan hat. Sie gibt uns nur etwas Spielraum, die Seiten mit unseren Persönlichkeiten zu füllen.“

Carola schnaubte verächtlich. Sie sah perfekt aus in ihrem roten Kleid, das an der Taille von einem goldenen Gürtel eng an ihrem Körper gehalten wurde. Ihre blonden Haare sahen seidig weich aus, und ihr Make-up unterstrich dezent ihre natürliche, makellose Schönheit. „Persönlichkeiten“, wiederholte sie abfällig das Wort. „Frag mal Marike und mich, was wir für Persönlichkeiten von ihr bekommen haben. Oder Bianca. Oder wie es sich anfühlt, wenn in Rezensionen steht, es würde eine Figur fehlen, die man sympathisch fände. Wenn ich mich hätte entfalten dürfen, hätte ich der Leserschaft meine Machenschaften nicht so schonungslos gezeigt. Ich meine, jeder ist doch berechnend, oder? Alles, was ich an Disziplin und Zielstrebigkeit an den Tag legen musste, um dermaßen erfolgreich zu sein, hat viele Opfer gefordert. Aber wird das auch gesehen? Oder wertgeschätzt? Stattdessen sagen die Leute, sie würden zukünftig ihren Umgang mit sozialen Netzwerken überdenken.“

„Ach komm“, sagte Bianca neben ihr und verdrehte die Augen. „Tu nicht so, als würdest du das nicht feiern. Die Leute legen das Buch weg, sind entsetzt, schreiben in den Rezensionen, dass sie gewisse Dinge nun mit anderen Augen sehen, und dann machen sie trotzdem weiter wie bisher. Darüber amüsierst du dich doch, oder nicht?“

Carola schenkte ihr ein Lächeln und hielt ihr freundschaftlich eine Hand entgegen, die Bianca gern ergriff und grinste.

„So wurde ich nun mal geschrieben“, sagte Carola in die Runde und zuckte mit den Achseln.

„Aber ich nicht“, warf Marike wütend ein. „Sie hat mich einfach unter Drogen gesetzt und zugesehen, was der Rausch und das Trauma mit mir machen. Ich bin überzeugt, dass sie das Ende so nicht vor Augen hatte, als wir die letzten Seiten erreichten.“

Lovis stützte sich auf den Knien ab und dachte darüber nach, fühlte in sich, wie es bei ihr gewesen war, als Sonja noch an ihrem Roman geschrieben hatte. Einige Ideen waren inzwischen in andere Romane geflossen. So würde sie nun doch nicht blind werden. Eine bessere Achtsamkeit gegenüber bestimmten Themen war angenehm gewachsen. Vor allem damit veraltete Rollenbilder in keiner Weise mehr bedient wurden, wenn sie dadurch nicht auf den Prüfstand gestellt werden sollten. Irgendwie war es ein sehr intimes Verhältnis zwischen Figuren und Autorin, weil alle, die hier saßen, die Autorin auf ihrem Entwicklungsweg begleiteten.

„Erinnert ihr euch noch an die handwerklichen Schwächen am Anfang?“ Der Themenwechsel musste einfach sein, weil Marikes Wut irgendwie aufgelockert werden musste. Sie sollte sich ja aussprechen, dafür waren sie hier, aber Schritt für Schritt.

„Du meinst sowas wie Als sie lächelte, konnte er ihren fehlenden Eckzahn sehen?“ Sven musste lachen. „Ob der auf der Lippe der Angestellten gelegen hat? Oder kullerte er gar aus dem Mund?“

„Ist das nicht auch in eurem Roman gewesen, als aus Kolding plötzlich Kobler geworden ist?“, brachte sich nun auch Henry mit einer Wortmeldung ein.

Eberhard grinste. „Oh ja, das ist bei uns gewesen. Der Name kam nur zweimal im ganzen Roman vor, aber Sonja hatte damals beruflich so oft mit einem Herrn Kobler zu tun gehabt, dass es ihr gar nicht aufgefallen war, den Namen aus Versehen benutzt zu haben.“

„Und keinen Testlesern, niemandem im Verlag und auch der Lektorin nicht. Erst viel später hatte eine Rezensentin den Fehler gefunden“, ergänzte Sven.

„Ich fand bei euch viel nerviger, dass sich der Roman über zwei Jahre erstreckt.“ Leah und Henry schienen ebenfalls die Romane der anderen gelesen zu haben. Sie nickte Henry zu, der einen zustimmenden Laut von sich gab.

„Nun, das liegt an den ganzen Filmen und Serien, die ständig vermitteln, alles würde immer so super schnell gehen. Tatsächlich braucht Polizeiarbeit manchmal Zeit, und wir haben mehr als eine einzige Vermisstenanzeige auf dem Tisch. Außerdem ging es ja auch um Karl und Barbara, die für ihre Genesung Zeit brauchte. So gern ich das in Svens Sinne auch verkürzt hätte, aber es musste so sein.“ Nach Eberhards Erklärung trat Stille ein.

Jeder schien in Gedanken bei der eigenen Zeitlinie zu sein.

Nach einer Weile räusperte sich Leah und setzte sich aufrecht hin. „Du hast recht. Ich würde jetzt gern weitermachen.“

Lovis vollführte eine einladende Handbewegung. „Sehr gern.“

„Hallo, ich bin Leah und ich bin eine Figur.“

„Hallo Leah.“

„Mir erging es ähnlich wie Sven. Gutes Leben mit einem guten Mann und dann schreibt Sonja mir eine Begegnung mit Henry in die Geschichte. Aber ich bin froh über die Liebe zur Musik und das Umdenken, um herauszufinden, was im Leben wirklich zählt. Es stimmt nicht, dass Sonja nur grausame Dinge schreibt. Mit unserer Geschichte wollte sie sogar davon wegkommen, weil in den realen Nachrichten so viel Negatives und Leid zu finden waren.“

Henry sah bei ihren Worten betroffen auf seine Finger hinab. „Na ja, so ganz konnte sie es trotzdem nicht abstellen.“

Leah nahm seine Hand, ähnlich wie Carola es bei Bianca gemacht hatte, und drückte sie liebevoll.

„Und dann wollte der Verlag auch noch einen Thriller von ihr haben, was sie eh wieder zu den menschlichen Abgründen zurückbrachte“, warf Maik ein. „Ich werde für immer mit den Bildern leben müssen, wie ich Lynn vor den Entführern nicht beschützen konnte.“

Der Bodyguard hatte alles getan, um sie zu beschützen, aber Sonja konnte ihn nicht erfolgreich sein lassen. Lovis hatte sehr mit ihm gelitten, als sie das gelesen hatte. „Willst du dich kurz vorstellen?“

„Klar. Ich bin Maik und ich bin eine Figur.“

„Hallo Maik.“

Er war Finnley, der zwischen Chenoa und Taima saß, gar nicht so unähnlich, nur dass ihm die Tätowierungen fehlten, die den Schotten wie eine wandelnde Maschine aussehen ließen. Junge, athletische Männer, die andere mit ihren Leben schützten.

„Ich weiß auch nicht, irgendwie vertraue ich darauf, dass sie trotz allem mit uns verantwortungsbewusst umgeht. Von anderen habe ich gehört, dass deren Autorinnen und Autoren schnell mal jemanden über die Klinge springen lassen. Klar, bei vielen von uns gibt es auch Tote, aber ich hoffe, dass es keinen von uns hier trifft.“

Eine Hoffnung, die Lovis teilte. Immerhin mussten die Schreibenden aufpassen, nicht berechenbar zu werden, sich nicht zu wiederholen und ständig etwas anders oder neu zu machen. Sie dachte an Eva, die mit ihrem Lebenswandel am ehesten mit einem Bein im Grab stand. 

Ein Lachen wie splitterndes Eis kam von der gegenüberliegenden Seite. „Ihr seid so armselige Geschöpfe“, sagte Frau Holle, und mit ihren Worten verbreitete sich eine winterliche Kälte im Raum. „Was glaubt ihr, warum hier niemand aus ihren Horrorkurzgeschichten sitzt? Eine Autorin, die Sex mit einem Zombie auf einem Pferd beschreibt, ist zu allem fähig. Stellt euch doch mal einen Tannenbaum in die Wohnung und seht, was passiert.“ Sie setzte sich in eine bequemere Position und zog an dem wuchtigen Baumwollrock, der schwer auf ihren Beinen lag. „Ich bin Frau Holle und auch eine Figur, aber spart euch das Hallo, das interessiert mich nicht. Eigentlich sitze ich nur hier, weil ich gehofft habe, eine Marie in dieser Runde zu treffen, aber nein, ich komme ja aus einer Horrorgeschichte, natürlich bin ich alleine hier und muss mir euer Gejammer anhören.“

Die Betroffenheit ließ die Widerworte ungesagt in die Atmosphäre steigen. Lovis musste ihr rechtgeben. Sie kannte Sonjas grausame Seiten und wie leichtfertig sie mit Gewalt, Ekel und Grauen umging. Das war kein guter Abschluss für die erste Sitzung, die wegen des aktuellen Projekts kurzgehalten werden musste. Wenn sie alle mit diesem Gefühl zurück in ihre Romane entließ, käme kaum jemand wieder. Und es waren noch lange nicht alle zu Wort gekommen, es musste ein weiteres Treffen geben. Am liebsten so oft, bis Lovis das Ende ihrer eigenen Geschichte kannte und zu einem vollwertigen Mitglied dieser Gesellschaft wurde. Außerdem wollte sie all die anderen Schubladenfiguren ermutigen, ebenfalls zu kommen, vor allem Runa, die mit ihrer Schreibpension den perfekten Ort für einen gemeinsamen Wochenendausflug hatte. Vielleicht wäre es gut, wenn Frau Holle zukünftig nicht mehr käme, aber so wie sie diese Runde bewertete, war das wahrscheinlich ohnehin ihr erstes und letztes Erscheinen.

„Ihr alle, bis auf jene, die vielleicht in Folgeromanen nochmals auftauchen, könnt an euren Schicksalen nichts mehr ändern, aber ich bin sehr froh, dass ihr euch hier eingefunden habt, um darüber zu reden und vielleicht die Bedingungen für künftige Figuren zu verbessern“, begann sie eine vorsichtige Abschlussrede. „Ich bin mir sicher, dass so ziemlich jeder etwas Positives aus seinem Roman berichten kann. Letztendlich gäbe es niemanden von uns, wenn Sonja sich uns nicht ausgedacht hätte. Leider müssen wir für heute Schluss machen, weil Sonja noch andere Dinge schreiben muss, aber wir sollten uns sehr bald wieder hier einfinden, weil ich überzeugt bin, dass sie sich unsere Worte zu Herzen nehmen wird. Vielleicht retten wir damit ein paar Leben und geben ihr den Anstoß, mal was Lustiges zu schreiben? Eine Romantikkomödie wäre schön, findet ihr nicht?“

In den Gesichtern der meisten Gruppenmitglieder entdeckte sie Zustimmung, nur wenige schüttelten zweifelnd den Kopf. Schon klar, dass Marike und Patrick zu den Zweiflern gehörten. Besonders bei Patrick hoffte sie, dass er wiederkäme, weil er sicher noch mal eine andere Sicht auf den Roman hatte als Carola und Bianca.

„Aber nur, wenn Ben Paxton seine Gitarre mitbringt“, forderte Leah mit einem Zwinkern.

Der Rocker fasste sich an den Stetson, als würde er salutieren. „Nichts lieber als das.“

Das war ein guter Schluss.

„Dann kommt gut auf eure Seiten. Bis zum nächsten Mal.“

Jeder sagte etwas zum Abschied, dann löste sich die Runde auf. Zurück blieb eine Zwölfjährige, die zu Lovis ging und sie frech angrinste. 

„Hey Schubladennachbarin“, sagte sie. „Gute Sitzung.“ Sie klang gar nicht wie ein Kind, eher wie eine Erwachsene in einem Kind.

„Danke, und du bist?“

„Oh, ich habe noch keinen Namen, aber ich komme aus einer lustigen Buchidee, auf der Sonja schon genauso lange wie auf dieser Selbsthilfegruppeidee herumkaut. Wenn du willst, kann ich nächstes Mal was darüber erzählen und die Hellseherin aus der anderen Idee mitbringen. Das wird den anderen sicher gefallen. Allerdings solltest du für Eberhard besseren Kaffee organisieren und kleine Snacks bereitstellen. Nur nichts mit Curry, sonst kommt Deidra nicht.“

Lovis wusste, was sie meinte. Der Kommissar hatte jedes Mal leicht das Gesicht verzogen, als er an dem Kaffee genippt hatte. „Hast du nicht Lust, mir zu helfen?“

Die Kleine zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Du wirst mehr Stühle brauchen.“

Dann fingen sie an, die Stühle aufeinanderzustapeln und an die Wand zu schieben.

Mit Frau Holle verließ auch die Kälte den Mehrzweckraum in Sonjas Kopf. Es wurde so still, dass Lovis die Gedanken zum eigentlichen Romanprojekt hören konnte. Sie freute sich auf das fertige Werk, auch wenn es für Eva ein Tanz auf Messers Schneide bedeutete.

Ja, diese Gruppe konnte etwas richtig Gutes werden. „Wenn du auch ein paar Antagonisten motivieren kannst, wird das ein spannender Austausch werden.“

Das Mädchen schob den letzten Stuhl zu den anderen und stemmte dann die Fäuste in die Hüften. „Na, darauf kannst du wetten“, sagte sie überzeugt. „Auch wenn ich gehört habe, dass sie diese Sitzungen boykottieren wollen, weiß ich schon, wie ich es anstellen muss.“

Fröhlich hüpfte sie über die freie Fläche Richtung Tür. „Und ein paar Nebenfiguren und vielleicht jene, die gestrichen wurden, kann ich sicher auch noch überreden.“

Mit einem Winken verabschiedete sie sich und verschwand.

Lovis sah sich in Sonjas Kopf um. Wenn sie allein durch diese Initiative die Autorin dazu bekommen konnte, die eigentliche Arbeit liegen zu lassen, dann war es sicher auch möglich, den Plot des eigenen Romans mitzugestalten. Sie schickte ein stummes Stoßgebet ans Wohlwollen, das irgendwo zwischen Heldenreise, Plotpoints und Fallhöhe zu finden war. Nicht wissend, ob Sonja es beherzigen würde, denn kein einziger Gedanke gab ihr darauf eine Antwort.

 

Zurück an die Arbeit. Hallo Eva und Lukas.

 


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